Alter Dämmstoff: Strohballendämmung

18. Aug. 2014 von Karin Müller

Strohballen: Ausgangsprodukt für Dämmung

Strohballen dämmen gut, sind einfach zu verarbeiten und haben inzwischen die bauaufsichtliche Zulassung.

Die Dämmstoffindustrie kämpft um Tausendstel beim Wärmeleitwert. Ob mit Bemessungsleitwerten um 0,021 W/mK, wie sie mittlerweile für Polyurethan-Hartschäume erreicht werden, das Ende der Fahnenstange erreicht ist, lässt sich nicht sagen. Vakuumdämmung und Aerogele erreichen sogar Wärmeleitwerte unter 0,01 W/mK. (Hierzu auch die Übersichtsseite zu Wärmedämmstoffen)

Dass es auch anders geht, wird seit vielen Jahrzehnten von Ökofreaks, Naturbauleuten und Umweltschützern behauptet und auch immer wieder an besonderen Objekten gezeigt. Wer in der Nähe von Feldern aufgewachsen ist, weiß wie herrlich man aus Stroh Burgen und Schlösser bauen kann. Gerade aus den fest gepressten Ballen lassen sich schon größere Objekte zusammenbauen. Der Schritt dahin, Lehm auf die Oberflächen zu schmieren und das ganze so dauerhafter und hübscher zu machen, ist klein. Nur mit der Setzung haben solche einfachen Hütten Probleme.

Strohballendämmung im Neubau

Mittlerweile ist Stroh als Baustoff aus der Ökoecke herausgekommen. Bereits seit einigen Jahren untersucht das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) Stroh als Bau- und Dämmstoff im Auftrag des Fachverbands Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) und des Fachverbands Strohballenbau e.V. (FASBA). Im Juni 2014 gab es nun eine neue Zulassung. Strohballen dürfen nun auch direkt verputzt werden, was das umständliche Aufbringen von Putzträgerschichten (z.B. Holzschalung) unnötig macht. Damit ist der handwerkliche Hausbau mit Stroh als Dämmstoff in einem Holzständerwerk und Lehmputz eine sehr preiswerte, ökologisch, bauphysikalisch und hygienisch hervorragende Bauweise für Häuser auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau und Nichtwohnungsbau.

NZNB-Haus in VerdenDurch Verwendung von Elementen aus Holzrahmen mit Strohausfachung ergeben sich auch Möglichkeiten der rationellen Vorfertigung. Damit wird der Bau auch größerer, gewerblicher Objekte ohne Zeitverlust gegenüber anderen Bauweisen machbar, wie das fünfstöckige Ausstellungs- und Bürogebäude des Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen (NZNB) zeigt.
 
 

Sanieren mit Strohballendämmung

Besonders interessant ist, dass die Zulassung jetzt auch die Verwendung von Strohballen als Dämmschicht vor tragendem Mauerwerk ermöglicht. Damit haben wir einen Baustoff zur Verfügung, der sämtliche Anforderungen an Dämmung erfüllt und statt in seiner Produktion weiteres Kohlendioxid in die Atmosphäre zu geben, dieses dauerhaft bindet. Stroh kann regional gewonnen und verarbeitet werden, so dass auch keine langen Transportwege anfallen. Verbunden mit einer Fassade aus Holz oder Ziegel können so gerade historisch wertvolle Gebäude konserviert und energetisch Zukunfts-tauglich gemacht werden.

Herstellung und Eigenschaften der Dämmung aus Stroh

Stroh fällt in großen Mengen in der Landwirtschaft an. Es wird direkt bei der Getreideernte mit der landwirtschaftlichen Ballenpresse zu Rechteckballen gepresst. Dabei wird eine vorwiegende Orientierung der Halme in einer Richtung quer zur Bindung angestrebt. Die Ballen haben unterschiedliche Abmessungen, je nach der verwendeten Ballenpresse.

Durch das Pressen wird eine Rohdichte von 85-115 kg/m³ erreicht, die bei der Verarbeitung geprüft werden muss. Die Verarbeitung erfolgt aus den Rohballen direkt auf der Baustelle, indem die Ballen in die Gefache gedrückt werden. Dafür ist der Größe der Ballen angepasstes Gerät wie ein Gabelstapler erforderlich, denn die Ballen haben durch ihre noch recht offene Struktur einen ordentlichen Widerstand gegen das Verschobenwerden. Die Oberflächen werden mit schneidenden Geräten geglättet und sind damit vorbereitet für das Verputzen. Dafür kommen im Innenbereich vor Allem Lehmputze zum Einsatz, im Außenbereich als Basis ebenfalls Lehmputz und darauf gegebenenfalls weitere Schichten z.B. Kalkputz.

Die Dämmeigenschaften der Baustrohballen sind mit einem Bemessungsleitwert von λ = 0,052 W/mK gegegeben. Wobei dieser Wert eine Unsicherheit widerspiegelt. Der Messwert der Wärmeleitfähigkeit bei 10°C und trockenem Material darf den Grenzwert von λgrenz = 0,044 W/mK nicht überschreiten. Es wird also mit einem guten Sicherheitszuschlag für ein nicht mit industrieller Präzision hergestelltes Naturprodukt gerechnet. Für den Bewohner heißt dies, dass sein Haus meist noch deutlich besser als berechnet sein wird.

Bei richtiger Verarbeitung und mindestens 8 mm dicken Lehmputzschichten auf beiden Seiten der Baustrohdämmung erreicht die Konstruktion die Feuerwiderstandsklasse F-30B. Hierfür besteht eine Zulassung. Noch keine Zulassung aber positive Prüfung erhielt die Stroh-gedämmte Wandkonstruktion mit 30 mm Lehmputz auf beiden Seiten im Brandversuch für F-90. Das Dämmmaterial aus Baustrohballen selbst wird als normal entflammbar (B2) klassiert.

Strohballendämmung ist also mittlerweile ein ganz normaler, zugelasssener Baustoff geworden. Sein reichliches, regionales Vorkommen und die geringen Kosten machen ihn attraktiv für Neubauten wie auch für die Wärmedämmung in Sanierungen.


Bildnachweise:
„Strohballen: Ausgangsprodukt für Dämmung“, Foto: uschi dreiucker / pixelio.de 2014
„NZNB-Haus in Verden“, Quelle: nachhaltigbauen.org, 2014

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