Zum Jahreswechsel:

24. Dez. 2015 von Olof E. Matthaei

Quo vadis, Energiewende?

Energiewende fehlt: Unwetter
2015 war das weltweit wärmste Jahr seit Menschengedenken. Hitzerekorde in Deutschland, Sturmrekorde in der Karibik, Überschwemmungen. Gegen diese Ereignisse sehen die Euro- und Griechenland-Krise und die sogenannte Flüchtlingskatastrophe Europas unbedeutend aus. Wenn man hinguckt!

Aber man sieht das Klima nicht wirklich. Das Wetter geht in unseren Breiten stets auf und ab. Jahreszeitlich bedingte Schwankungen werden vom kurzfristigen Wettergeschehen überlagert. „Das einzig Beständige an unserem Wetter ist seine Unbeständigkeit,“ wusste schon mein Vater; und der hatte die Weisheit von seinem Vater. Nur durch die systematische Aufzeichnung von Klimadaten seit nunmehr ungefähr hundertfünfzig Jahren (wobei Detaillierung, Auflösung und auch die geografische Ausdehnung stetig zugenommen haben) wissen wir recht genau, was da draußen passiert.

Bäume wachsen schneller. Auch diese Beobachtung können wir nur in der Rückschau machen (vgl. Artikel vom 4. Februar 2015: Bäume wachsen heute schneller). Grund sind die verlängerten jährlichen Vegetationsperioden. Wüsten Triftgletscher 2004 und 2005, Bild: ETH Zürich, Quelle: swissinfo.ch 2015wachsen auch schneller, Gletscher schmelzen schneller, die Meeresspiegel steigen, … Alle diese „schnellen“ Ereignisse sind deutlich langsamer als es der menschlichen Beobachtungs-Ausdauer entsprechen würde. Einen Gletscher schauen wir uns – sofern wir denn überhaupt noch einen finden – vielleicht für eine Stunde an. Wir sind beeindruckt von den tosenden Wassermassen, die bei Sonnenschein den Berg herunter schäumen. Aber nur, wenn wir die Bilder von vor zehn, zwanzig und dreißig Jahren mit den jetzigen vergleichen, erkennen wir die Veränderung unserer Erde. Rasanz haben diese Ereignisse nur in geologischen Dimensionen, nicht in individuell menschlichen.

Ursache des Klimawandels ist die Verbrennung fossiler Energie durch die Menschen. Diese hat dazu geführt, dass der Kohlendioxidgehalt der Atmosfäre mittlerweile fast doppelt so hoch ist, wie vor Beginn der Industrialisierung. Auch etwas, das wir kaum sehen. Weder das CO2, noch die Industrialisierung oder die Abholzung der Erde. Im Fernsehen vielleicht, aber da hat es die gleiche Qualität wie explodierende Autos in amerikanischen Filmen. Ein kurzer Moment der Spannung, aber die Helden rappeln sich auf und rennen weiter. Die Klimaveränderung hat Unterhaltungswert, mehr nicht. CO2 in der Atmosfäre verursacht den Treibhauseffekt. Langwellige Wärmestrahlung kann die Erde nicht mehr so leicht verlassen, Meere, Böden und Luft erwärmen sich.

COP21 – Klimagipfel Paris 2015

In der Weltklimakonferenz in Paris dieses Jahr ist daher wieder nichts Entscheidendes passiert. Die Mächtigen der Welt zocken lieber, als dass sie handeln. Die Qualität der Beschlüsse ist zwar gegenüber früheren gestiegen. Es gibt deutlich mehr Übereinstimmung in der Erkenntnis, dass der Klimawandel stattfindet und dass das vom Menschen eingebrachte CO2 die Hauptursache dafür ist, aber die Einsparbeschlüsse scheinen mir recht vage.

Klarer sind die Beschlüsse, wie den betroffenen, weniger weit entwickelten Ländern bei der Anpassung an den Klimawandel geholfen werden soll. Aber auch solche Beschlüsse kennen wir aus der Geschichte genug. Niemals und von keinem sogenannten hoch entwickelten Land der Erde sind die versprochenen Beiträge zur Entwicklungshilfe, zum Umweltschutz oder zur Finanzierung von Flüchtlingsversorgung je voll bezahlt worden. Da ist die heimische Haushaltspolitik eben doch wichtiger.

Dr. Barbara Hendricks bei der Bundespressekonferenz zu den Ergebnissen der Klimakonferenz in ParisWie das Ziel, die Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius zu halten, erreicht werden soll, bleibt verborgen. Als ob die Regierungen dieser Erde dem Klima nur einen Befehl zum Anhalten geben müssten. Immerhin geben sogar Regierungsvertreter, wie die deutsche Delegationsführerin Dr. Barbara Hendricks, zu, dass die Arbeit jetzt eigentlich erst beginne. Klar ist allen, dass die Regierungen ihre hehren Ziele nur mit Unterstützung aller Bürger erreichen können. Den Nichtregierungsorganisationen reichen überwiegend die Ziele ohne Angabe des Wegs nicht und die Formulierungen sind allgemein eher schwammig.

Internationale Abkommen und Nationaler Aktionsplan

Es bleibt abzuwarten, mit welchen findigen Tricks die Politik sich die Welt schön rechnen wird. Für Politiker in demokratischen Ländern ist die Hürde immer wieder die Wahl. Wer seinen Bürgern wirklich reinen Wein einschenkte und von ihnen die Anpassungsmaßnahmen und Einsparung forderte, die notwendig wären, um den Klimaschutz zu bewerkstelligen, würde nicht mehr gewählt. Und so ziehen sich die sogenannten Verantwortlichen dann doch lieber aus der Verantwortung, denn haften tun sie ja nicht für das was sie tun – oder in diesem Fall: unterlassen.

Die Energiewende in Deutschland windet sich wie ein Wurm, den man der Erde entrissen hat, in alle Richtungen unter den Händen von Industrie und Politik. Mal drückt jemand hier, mal zerrt jemand dort. Der arme Wurm weiß nicht, wie sich winden, um irgendwohin zu gelangen. Förderung an, Förderung aus, Förderung rauf, Förderung runter, Regeln hin, Regeln her. Das System hat keine Ordnung. Im Herbst 2014 wurde ein Nationaler Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) beschlossen (vgl. Artikel vom 16.12.2014: Steuerbefreiung für energetische Gebäudesanierung) Davor gab es schon viele andere Pläne, den Energieverbrauch in Deutschland zu drosseln. Mal waren es 15% bis 2010, dann 20% bis 2020, dann 50% bis 2050. Als wäre das so beliebig. Immer kurz vor Verstreichen eines Termins wird ein noch ehrgeizigeres Ziel für die Zukunft verkündet, mit dem das bisherige, nicht erreichte aufgehoben wird. So fühlt sich niemand schuldig und alle können weitermachen wie immer.

Im NAPE wurden wieder einmal tolle Ziele aufgestellt. Aber den Namen „Aktionsplan“ verfehlte das Programm. Die tatsächlich beschlossenen Aktionen, wie die seit 2015 verbindlichen Energieaudits für Nicht-KMU haben keine Relevanz für echte Veränderungen. Gerade die Energieaudits werden von den Unternehmensmitarbeitern nur als weitere bürokratische Hürde erlebt. Noch eine Regel mehr zu beachten, noch ein paar Tage mehr Arbeit, noch ein paar Tausend Euro mehr an Kosten für die externen Auditoren.

Das gleiche Schicksal erleidet seit nun schon über zehn Jahren der Energieausweis. Seit 2014 müssen Energieausweise registriert werden, Verkäufer oder Vermieter müssen ihn proaktiv Interessenten vorweisen, in Anzeigen müssen Kennwerte veröffentlicht werden. Damit sollte ihre Qualität gehoben und die Wahrnehmung verbessert werden. Die strukturellen Defizite der Energieausweise wurden nicht behoben. Auch diese Papiere werden nur als Last gesehen. ‚Der Gesetzgeber hat es sich ausgedacht und da eine Strafandrohung dahinter steht, machen wir es.‘

Die Frage nach der grundsätzlichen energetischen Qualität des Gebäudes wird nicht gestellt. Noch weniger gibt es irgendeine Begrenzung. Weder der Energiebedarf pro Flächeneinheit muss begrenzt werden (außer bei Neubauten), noch die von einer Person nutzbare Fläche. Wenn acht Menschen sich eine 80 m² Wohnung mit 200 kWh/m²a Endenergiebedarf (Effizienzklasse G), Energieträger Öl teilen, dann verbrauchen sie pro Person 2.200 kWh Primärenergie im Jahr. Wenn zwei Personen eine Neubauvilla mit 300 m² bewohnen, die als Effizienzhaus 70 mit Wärmepumpe gebaut wurde, dann ist der Endenergiebedarf z.B. nur 39 kWh/m²a (Effizienzklasse A). Pro Person werden dann 14.000 kWh Primärenergie im Jahr gebraucht. Das ist ein um den Faktor 6,3 höherer Wert.

Das sind Extreme, glauben Sie? Vielleicht. Realistisch sind sie dennoch: Das erste Beispiel entspricht einer Flüchtlingswohnung, das zweite Beispiel ist nur der Anfang von dem, was wir als Luxus bezeichnen. Nach oben ist „noch erheblich Luft“. Und wenn wir über die Energieverschwendung im gewerblichen Sektor sprächen, kämen hier noch ganz andere Fakten.

Die Fortschritte, die vor NAPE im Strombereich gemacht wurden, hat die Regierung ganz bewusst zunichte gemacht, indem sie die Zubau-Raten für Strom aus erneuerbaren Quellen gedeckelt hat. Dennoch liegt der Anteil der erneuerbaren Energie im elektrischen Strom mittlerweile bei etwa 30%. Publikumswirksam wird immer gerne dieser Bereich vorgeführt, an dem jedoch, auch das gehört zu der Erfolgsgeschichte, vor Allem Privatpersonen, Stadtwerke, kleinere Unternehmen und Bürgergenossenschaften ihren Anteil haben. Die Großindustrie ist auf der Seite der Erzeuger nur als Bremser aufgetreten (E.On, Vattenfall, RWE) und auf der Abnehmerseite hat man es verstanden, sich durch geschickte Lobbyarbeit bei der Politik Privilegien zu sichern. Großverbraucher zahlen nach wie vor nur einen sehr geringen Anteil an den Kosten des Zubaus der Erneuerbaren im Stromsektor.

Als man erkannte, dass Strom als solcher ohne den Wumms der Kern- und Kohlekraftwerke, nicht mehr so leicht zu stabilisieren ist, und durch die schwankende Einspeisung von Sonnen- und Windstrom das Netz instabil zu werden drohte, legte das Wirtschafts- und Energieministerium in 2013 ein Programm zur Förderung von PV-Stromspeichern auf. Mittlerweile sind 14-15.000 Batteriespeicher in privaten Anlagen verbaut worden, deren Aufgaben einerseits die Maximierung der Eigenstromverwendung und andererseits die Minimierung der Netzbelastung bzw. sogar Erhöhung der Netzstabilität sind.

Zum 31. Dezember sollte dieses Programm nach dem Willen des Ministers Gabriel enden. Die KfW hatte dementsprechend die Programme schon zum Auslaufen gebracht. Da hat, unter dem Eindruck des Protests eigentlich aller Beteiligter, der Minister doch noch einmal die Förderung verlängert. Rein, rauf, runter, raus? Der nächste Zug ist bei Wende-Politikern nie vorhersehbar.

Wärmewende? Mobilitätswende? – Fehlanzeige

Völlig stiefmütterlich behandelt wird nach wie vor die Energiewende im Wärmesektor, auch Wärmewende genannt. Auch die formulierten Ziele einer Erhöhung der Elektromobilität sind nicht mit Aktionsplänen unterlegt. Am Allerwenigsten gibt es eine sinnvolle Verzahnung der verschiedenen Bereiche von Energieverwendung.

So wenig geht es auch bei der Elektrisierung des Verkehrs voran. Keine 9.000 Elektro-Kfz sind in 2015 zugelassen worden. Davon die Hälfte von den Herstellern selber, die damit eher green washing betreiben, als eine Marktdurchdringung anstreben. Konzepte zur dezentralen Erzeugung, Speicherung und Verwendung von Energie, in die die Speicher der Kraftfahrzeuge eingebunden werden könnten, gibt es nur auf privater Ebene.

Statt dessen werden riesige Stromtrassen geplant und auch schon gebaut. Das Bestreben der Planer und der Politik in diesem Zusammenhang ist ganz klar gerichtet auf den Erhalt der großen Konzerne. Die bisherigen Treiber und Umsetzer der Energiewende, die kleinen privaten Betreiber, Energiegenossenschaften, Stadtwerke, finden keine Berücksichtigung bei der Planung.

Energiewende braucht eine Politikwende

Es macht nicht den Eindruck, als gäbe es in der Regierung eine Vorstellung davon, wie Ziele erreichbar gemacht werden können. Es scheint nicht so, als ob dort Leute säßen, die systematisch – wie ein Ingenieur – von der Formulierung der Ziele über die Analyse des Bestands zur Synthese von Maßnahmen gelangen könnten. Am ehesten bekommt man den Eindruck, dass Energiewende in der Politik bedeutet, dass sich der Politiker mal hierhin, mal dorthin wendet, zwischendrin ein bisschen Unfug blubbert, während ansonsten die Welt ihren (Unter-)Gang geht.

Während E.ON seine Kernkraft abstoßen will, RWE ein neues Unternehmen für Erneuerbare gründet und Vattenfall seine Braunkohlekraftwerke schließt, will Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens den Braunkohle-Abbau für die nächsten Jahrzehnte sichern. ,Manche haben den Schuss nicht gehört,‘ ist eine noch freundliche Beschreibung für diese Welt-zerstörende Haltung. (vergleiche Artikel vom 5.Dezember 2015: „Leitentscheidung Braunkohle“: Mitgestaltung nur noch bis zum 8. Dezember

Die Regierungen sind per Grundgesetz die ausführenden Mächte des Staats. Sie haben die Aufgabe den Staat für seine Bürger zu verwalten. Da sie aus der gesetzgebenden Macht, den Parlamenten heraus gewählt werden, haben sie eine erhebliche Nähe zu diesen Institutionen. Oftmals vergessen die Regierungen, dass sie auszuführen haben und gestaltet lieber das mit, was irgendwer, so klar ist dann oft nicht wer, umsetzen soll.

Solche Regierungen gibt es weltweit. Dabei ist egal, ob es sich um Diktaturen, Volksrepubliken oder sogenannte freie Demokratien handelt. Weltweit gibt es immer häufiger Aufstände gegen die Autokratie dieser Mächtigen. Und immer mehr richtet sich der Zorn auch gegen die Verursacher weltweiter Missstände. Der Energie- und Rohstoffhunger der mächtigen Industriestaaten exportiert Elend. In 2015 haben wir massiv den Reimport der Verelendeten zu spüren bekommen. Statt jedoch den Menschen zu helfen, wird ein Vielfaches dafür aufgewandt, die eigenen Grenzen dicht zu machen und die Exekutive anderer Länder dabei zu befähigen, ihre Leute selber nieder zu knüppeln. Auch Deutschland ist schon wieder an einem weiteren Krieg beteiligt. Ebenso wie in der Energiepolitik hat sie auch hier kein erkennbares Konzept.

Die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge können hier leben, weil hunderttausende von Bürgern ihnen helfen. Diese Menschen helfen ehrenamtlich und unbezahlt. Oft setzen sie eigene Mittel ein, um den wenigen, die es geschafft haben Bürgerkrieg und Hunger zu entkommen, einen Start bei uns zu ermöglichen. Davon können wir lernen: Wir kommen ohne den Staatsapparat aus. Wir können die Dinge selber in die Hand nehmen. Wir können die Energiewende selber machen. Warten wir nicht darauf, dass endlich der Staat uns vorschreibt, was zu tun ist. Denn dann ist es längst zu spät. Jeder hat an seiner Stelle Verantwortung und Handlungsalternativen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr mit viel weniger Energieverbrauch!

Ihr
Olof Matthaei


Bildnachweise:
„Unwetter“, Quelle: Linse / pixelio.de 2015
„Triftgletscher 2004 und 2005“, Bild: ETH Zürich, Quelle: swissinfo.ch 2015
„B. Hendricks im Sucher“, Quelle: http://www.bmub.bund.de 2015

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