Weltklimakonferenz in Bonn

02. Nov. 2017 von Olof E. Matthaei

Das Weltklima ist überall, die Weltklimakonferenz braucht einen Platz. Dieses Jahr wurde Bonn als Treffpunkt für Delegierte fast aller Staaten der Erde gewählt.

Während in Berlin die Verhandlungen zwischen CDU/CSU, Grünen und FDP unter anderem der Uneinigkeit über die „Bezahlbarkeit“ von Klimaschutz wegen in die Sackgasse laufen, soll in der früheren deutschen Hauptstadt an der Fortsetzung des Klimaschutzprozesses gefeilt werden. Auch dieser Prozess ist in der Sackgasse. Paris, Weltklimagipfel 2015, es gab einmal … Absichtserklärungen, den Temperaturanstieg der Erde auf unter 2 Kelvin zu begrenzen. Vollmundige Selbstverpflichtungen der Staaten, dies durch Begrenzung des CO2-Ausstoßes um … bis … zu bewerkstelligen. Blablabla!

Matthaei: Meinungsbild

Immer mehr Kohlendioxid in der Luft

Die Realität ist: Der CO2-Ausstoß ist in 2016 auf ein neues Rekordhoch geklettert. An allen Messorten der Welt, an den abgelegensten Orten, überall liegt der Wert jetzt über 400 ppm. Der jährliche Anstieg liegt 70 mal so hoch, wie in den 1950er Jahren. Durch die Erwärmung können die Meere nicht mehr so viel CO2 binden, durch die Erwärmung tauen die Permafrostböden auf, das organische Material zersetzt sich und kommt als Kohlendioxid und Methan in die Atmosfäre. Es gibt keine Chance mehr, die Erderwärmung unter 2 Kelvin zu halten.

Wir rasen sehenden Auges in den Kollaps sämtlicher lebenserhaltender Systeme unseres Planeten. Die Meere gehen kaputt, was heißt, dass sie weniger zur Ernährung beitragen. Die Pole schmelzen, das frei werdende Wasser überflutet demnächst weite, tief liegende Regionen. Die Gletscher schmelzen, wodurch viele Regionen ihre Trinkwasserreservoirs verlieren. Die Böden gehen kaputt, was das Ende der Landwirtschaft bedeutet. Und dann streitet man sich über Bezahlbarkeit? Wie dämlich können Menschen eigentlich sein?

Wenn ich ein Autofahrer bin und merke, dass meine Bremsen schlechter werden, dann fahre ich zur Werkstatt und lasse die in Ordnung bringen. Die Kosten trage ich natürlich. Wer käme auf die absurde Idee zu sagen, der wirtschaftliche Aufwand ist viel zu hoch. Mein Nachbar macht seine Bremsen auch nicht, der hätte ja einen unlauteren Wettbewerbsvorteil. Und dann reißt das ungebremste Auto den Fahrer und schuldlose Dritte in den Tod. Das ist die Situation in der wir mit dem Ausstoß klimaschädlicher Gase und dem Weltklima stehen. Wir reparieren die Bremse nicht. Ja, schlimmer noch, wir geben weiter Gas.

Alternativer Klimagipfel

Aber während die Vertreter der Staaten, Politiker und ihre Mitarbeiter, sich vor Allem um die Vorteile ihrer jeweiligen Wirtschaft sorgen und den Schutz des Klimas, so scheint es jedenfalls oft, nur vortäuschen, gibt es andere Menschen, die dem nicht tatenlos zusehen wollen. Menschen, die wie die Bewohner eines kleinen gallischen Dorfs vor 2000 Jahren den Römern, heute dem Primat einer Welt zerstörenden Wirtschaftsweise Widerstand leisten.

Es gibt sie und sie organisieren sich Länder übergreifend. Der Peoples Climate Summit ist die deutlich abgegrenzte Bewegung der Menschen, die sich von Politik schon lange nicht mehr vertreten fühlen. Selbst organisiert tagen, reden, arbeiten sie. Menschen aus allen Kontinenten der Erde, Menschen aller Farben, Glaubensrichtungen, Geschlechter, Lebensweisen. Vom 3. bis zum 11. November halten sie viele Veranstaltungen in Bonn und Umgebung ab, zu denen jeder eingeladen ist. Themen wie „globale Klimagerechtigkeit“, „Den fossilen Extraktivismus aufhalten und Klimasünder zur Verantwortung ziehen“, „Erzählungen über die Folgen des Klimawandels von den Pacific Climate Warriors“ zeigen die Richtung.

Gesellschaftliche Transformation, die nicht ein technisches „Wir schaffen das!“ bedeutet, sondern eine tiefer greifende Änderung der Haltung zu irdischem Leben. Hiervon erzählen auch Sherpas aus Nepal und pazifische Kandidaten für den Untergang im Wasser. „Alle Menschen werden Brüder,“ heißt es in der europäischen Hymne. Leider ist die Europäische Union weit davon entfernt, Bruderschaft mit den Menschen anderer Regionen der Erde zu pflegen. Die Frage hinter jedem Handeln der Politik und vieler Akteure der großen Unternehmen und praktisch des gesamten Kapitals ist: „Was nützt mir wirtschaftlich am meisten?“

Energiewirtschaft und der Nationale Aktionsplan Energieeffizienz

Auch in den deutschen Aktivitäten widerspiegelt sich nur diese Haltung. Der im Anschluss an die Weltklimakonferenz in Paris beschlossene Nationale Aktionsplan Energieeffizienz, NAPE, zeigt schon im Titel ganz deutlich worum es geht. Nicht um die Einsparung von Energie, sondern darum mit der gleichen Energie mehr Profit zu machen.

Schon lange haben wir in Deutschland den Pro-Kopf-Ausstoß klimaschädlicher Abgase aus Kraftwerken, Heizungen und Autos auf ein Vielfaches dessen gehoben, was noch Welt-verträglich wäre. Dabei haben wir (fast) alle weitaus mehr, als wir brauchen. Eine wirtschaftliche Deeskalation wäre angeraten, um die Welt wieder ins Lot zu bringen. Aber wir laufen wie die Lämmer der Doktrin des Wachstums hinterher: Mehr als letztes Jahr, mehr als der Nachbar, mehr, mehr!

Behalten Sie die Augen offen, machen sie sich zu den kommenden Ereignissen bei der Weltklimakonferenz in Bonn eigenständige Gedanken und folgen Sie nicht einfach den Aussagen der Kommentatoren. Glauben sie nicht denen, die Deutschland als einen Vorreiter in Sachen Klimaschutz loben. Hinterfragen Sie kritisch. Und wenn Sie aktiv werden wollen, fahren Sie doch auch (mit dem Fahrrad ?) nach Bonn. Machen Sie mit bei den Aktivitäten der alternativen Tagungen, zeigen Sie, wohin die Reise gehen soll. Ungebremst in den Untergang oder doch lieber mit weniger Überfluss in eine lebendige Zukunft.

Bildnachweise:
Karrikatur: copyright: sfv / mester 2017
Foto und Bearbeitung: Ingenieurbüro Matthaei, 2017

Beiträge zu den Themen Klimawandel, Klimaschutz und Weltklimakonferenz:

Artikel vom 02.11.2017 beim SVF.de: Taten statt Warten: Energiewende durch Ausstieg aus der Kohle und solare Transformation
Artikel vom 07.06.2017: Klimaschutz international
Artikel vom 21.08.2016: Klimacamp und gewaltiger Protest
Einladung zur Fahrrad-Demo nach Bonn am 4.11.2017: Klima schützen – Verkehrswende jetzt!
Information rund um Aktivitäten der Zivilgesellschaft rund um die UN-Klimakonferenz in Bonn

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