Von Experten, Dummen und Wahrheitsverdrehern

27. Feb. 2014 von Olof E. Matthaei

Affe als Experte„Experte, von lateinisch expertus ‚erprobt‘, (auch Fachmann/Fachfrau, Pl. Fachleute , Fach- oder Sachkundiger, Spezialist) ist ein Schlagwort und bezeichnet als solches eine Person, die über überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet oder mehreren bestimmten Sacherschließungen oder über spezielle Fähigkeiten verfügt oder der diese Eigenschaften zugeschrieben werden.“(Quelle: wikipedia, Hervorhebung vom Autor dieses Artikels)

Insbesondere der letzte Teil dieser Erklärung ist wichtig: Experte ist, wen man dafür hält. Ich bin als Energieberater in der Bundesliste der Energie-Effizienz-Experten geführt, womit mir eine Sachkunde im Bereich der Energieeffizienz zugesprochen wird, die mich dafür qualifiziert, Förderprogramme des Bundes in Anspruch zu nehmen bzw. an meine Kunden zu vermitteln. Dieses Expertentum habe ich durch lange Ausbildung und Praxis erworben. Ich bin auch in einigen anderen Gebieten sachkundig. Ich kann z.B. kochen, Möbel bauen und vieles andere. Niemals aber würde ich mich dafür als Experte ausgeben. Denn in der oben stehenden Definition ist der Begriff überdurchschnittlich umfangreich von weiterer zentraler Bedeutung.

Es geschieht mir oft, dass mich Kunden oder auch Menschen die nicht meine Kunden werden wollen, auf Ungereimtheiten der Energieeinsparung ansprechen, die sie im Fernsehen erfahren haben. Aussagen wie: „Das lohnt sich doch alles gar nicht.“ „Sogar der Energieberaterverein ist in ein unisoliertes Haus gezogen.“ „Gedämmte Fassaden machen doch das Wohnklima kaputt.“ „Dämmung ist brandgefährlich.“ „Die Feuerwehr löscht nicht, wenn PV-Anlagen auf dem Haus sind.“ zeigen, dass mal wieder Scheinexperten Halbwahrheiten verbreitet haben. Erstaunlicher Weise nehmen die meisten Menschen das, was im Fernsehen gezeigt wird, als Wahrheit auf. Der multimediale Eingang durch Bilder und beschwörende Texte ist wirksam. Eine eigene Bewertung oder Analyse der Quellen erfolgt nicht.

Auch die Politiker sind sehr leicht durch Scheinexperten beeinflussbar. Gerne geben sie Studien in Auftrag, um sich dann in ihren Entscheidungen darauf zu beziehen und zu stützen. Ebenso wenig wie der durchschnittliche Fernseh-Zuschauer steigen sie in eine eigene Recherche ein und hinterfragen die Aussagen der Studien. Wenn man dies jedoch tut, kommt man nicht selten zu erstaunlichen Erkenntnissen. Sigmar Gabriel war schon einmal Bundesumweltminister. Als solcher hatte er 2008 eine Studie in Auftrag gegeben, die ermitteln sollte, wie bis 2020 25-30 % erneuerbare Energie in Deutschland eingebunden werden könne (vergleiche Artikel vom 20.12.2013). Anschließend berief er sich auf diese Studie, um zu begründen, dass ja gar nicht mehr als 30 % machbar seien. Hier ist die Manipulation von der Politik ausgehend.

Smog in ChinaDoch auch andere Interessenten legen der Politik Experten-Studien vor. Es ist bekannt, dass die Automobil-, Braunkohle- und Atom-Industrie und andere wirtschaftlich starke Industrien unseres Landes sehr gezielt Einfluss auf die Politiker nehmen. Da derzeit immer noch die Politik die ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen setzt, kommt die Industrie nicht ganz daran vorbei. Sie kann uns nicht direkt ihren Willen aufzwingen. Aber sie nimmt eben sehr gekonnt und gezielt Einfluss auf jene, die in der Gewaltenteilung die Gesetze machen. Dabei hat sie vor allem jene Politiker im Visir, die zwar in wichtigen Positionen aber auch leicht beeinflussbar sind. Da bietet sich schon wieder Sigmar Gabriel an, diesmal in der Funktion des Bundeswirtschaftsministers. Mittlerweile hat er dafür gesorgt, dass auch die Verantwortung für die Energie und damit die Energiewende sich in seinem Haus bündelt. Dabei ist Herr Gabriel, meiner Wahrnehmung nach, nicht unbedingt der hellste. Eigentlich hat er nur einen unbedingten Reflex: Egal wo man ihn anspricht, er wird „Arbeitsplätze“ zurück quaken.

Mit einer derart einfach gestrickten Denkweise, ist er natürlich ein herrliches Ziel für die Lobbyisten. Gib ihm etwas, was mit Arbeitsplätzen zu tun hat, dann tut er alles, was du von ihm willst. Bei Sigmar Gabriel kann man sich fast sicher sein, dass er nicht mehr nachfragt, als der oben schon erwähnte normale Fernsehseher. Deshalb fällt ihm wahrscheinlich nicht auf, dass die Experten, die ihn hier beglücken die Expertenkommission Forschung und Innovation, kurz EFI, von Energie kaum etwas verstehen. Deshalb wird ihm auch nicht auffallen, dass sie in ihrem Bericht (hier das Gutachten im Original) über das EEG gerade einmal zwei Seiten ohne substantiellen Inhalt schreiben. Die Aussagen, die gemacht werden haben keinerlei Bezug zu dem, was das EEG bezwecken sollte und erfolgreich geleistet hat, nämlich den Anteil erneuerbarer Energie am Gesamtgeschehen zu erhöhen.

Die EFI empfiehlt die Abschaffung des EEG. Sie begründet dies damit, dass eine empirische Untersuchung für den Zeitraum 1990 bis 2005 eine Innovationswirkung von Stromeinspeisevergütungen für erneuerbare Energien
in Deutschland lediglich für Windenergie festgestellt werden könne
. Diese Aussage ist derart dreist, dass es selbst einem Bundesminister auffallen müsste. Das EEG existiert seit 2000 und erst in 2004 ist die Photovoltaik wirklich berücksichtigt worden. 2005 ist sehr (sehr !) lang her. Ob die von der EFI untersuchte Innovationswirkung in Form von Patentanmeldungen irgendeine Relevanz im Zusammenhang mit einem zukünftigen Gesetz hat, dessen Zweck es ist, bestehende, sinnvolle Technik in die Breite zu bringen, darf bezweifelt werden. Sonst ließe sich mit einer ähnlichen Argumentationskette auch die Straßenverkehrsordnung angreifen, der Millionen von Verkehrsteilnehmern unterworfen sind und die dennoch nie irgendeine Erfindung zum Patent anmelden. Es ist eben nicht ihre Aufgabe, dies zu fördern.

Weiter heißt es in dem Gutachten: Eine aktuelle Analyse, die speziell die Innovationswirkung der Einspeisevergütungen des EEG von 2000 bis 2009 technologiespezifisch untersucht, findet in keinem Technologiebereich einen positiven Zusammenhang. Auch dieser Zeitraum liegt weit zurück und, wie oben beschrieben, ist die Relevanz fraglich. Aber selbst wenn man sich auf die Frage nach der Innovation einlässt, muss man doch erhebliche Veränderungen wahrnehmen. Die Preise für PV-Module sind z.B. seit 2007 von über 3.200 Euro je kWp auf inzwischen etwa 700 Euro je kWp gesunken. Der Wirkungsgrad der Module ist geringfügig gestiegen, es gibt deutlich dünnere Zellen. Dass die Hersteller keine Patente anmelden, hat vielleicht andere Ursachen. Z.B. ist das Entwicklungsgeschehen sehr schnell, so dass es sinnvoller ist, eine Entwicklung auf den Markt zu bringen, als sie zu patentieren. Innovation hat auch auf der Ebene der Handwerksunternehmen stattgefunden, die solche Anlagen immer effizienter installieren können, einfach weil sie zu Experten geworden sind.

Zu befürchten ist, dass unser schwergewichtiger Bundessuperminister das EEG schrittweise abbauen wird. Er wird dafür zwei Hauptargumente bringen: Die Arbeitsplätze und die Kosten und er wird solche Studien wie das EFI-Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands heranziehen um unter Hinweis auf Experten seinen Standpunkt zu untermauern. Beide Argumente sind falsch. Arbeitsplätze gibt es in der fossilen Wirtschaft wie in der Wirtschaft der erneuerbaren Energie. Es gibt kaum eine Branche, die in den letzten Jahren so aktiv und wachsend war, wie die der Erneuerbaren. Und die Kosten werden nicht klar genannt. Weder die Folgekosten der fossilen Energieverwendung noch die sehr reichlichen Subventionen für atomare und fossile Kraftwerke oder die Förderung der im höchsten Maße ökologisch schädlichen Stromfresser-Industrie werden deutlich benannt. Ich kann eine Klimapolitik nicht ernst nehmen, die behauptet, die Emissionen senken zu wollen, dann aber die schlimmsten Umweltsünder von jeglichen Folgekosten befreit.

Die Ruhrgebietsmetropole Essen braucht zweimal elektrischen Strom. Einmal für die Bürger der Stadt und die Wirtschaftsunternehmen und dann noch einmal genauso viel für die Aluminium-Produktion. Warum müssen die Bürger und das normale Gewerbe, also jene, die seit Jahren versuchen, ihren Konsum im Griff zu halten, dafür bezahlen, dass andere mit völlig verdrehten Arbeitsplatzargumenten Millionen-Subventionen erhalten? Hier geht es um 450 Millionen Euro jedes Jahr für gerade einmal tausend Arbeitsplätze. Das sind Subventionen von 450.000 Euro für jeden Arbeitsplatz – und das jedes Jahr wieder. Aber es sind natürlich Ketzer, die auf derartige Mißverhältnisse aufmerksam machen. Zum Vergleich: In 2013 wurden 22,9 Milliarden an EEG-Umlage bezahlt. Umgelegt auf die 80 Millionen Einwohner Deutschlands sind das im Schnitt etwa 268 Euro für jeden. Eine kleine Investition in eine lebenswerte Zukunft. Der Bundeswirtschaftsminister wäre besser beraten, er würde die ökologisch verwerflichen Mega-Strom-Fresser abschaffen, als die Energiewende zu bremsen.


Bildnachweise:
„Affe_als_Experte“, Foto: Kurt Bouda / pixelio.de 2014
„Smog in China“, Foto: Martina Böhner /pixelio.de 2014

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