Negativer Zins auf Zentralbank-Einlagen

16. Jun. 2014 von Olof E. Matthaei

Warum die Diskussion in die Irre führt und was wir statt dessen tun können.

unendliches_Wachstum

Negativer Zins auf geparktes Bankengeld

Am Donnerstag, den 5. Juni, senkte die Europäische Zentralbank den Leit-Zinssatz auf 0,15 % und führte einen Negativzins für Einlagen von Banken bei der EZB von -0,10 % ein. Die Absicht dahinter ist, damit die Banken zu zwingen, Kredite zu vergeben und somit das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone anzukurbeln. Es solle auch einer Deflationsgefahr entgegengewirkt werden. Die Diskussion in Deutschland, einer der wenigen Volkswirtschaften, denen es hervorragend geht, dreht sich seither jedoch weniger um die Effekte in den von der Finanzkrise gebeutelten Staaten Südeuropas, als vielmehr um fehlende Renditen bei Spareinlagen und Lebensversicherungen deutscher Bürger.

Diese Diskussion führt jedoch in die Irre. Macht sie doch Glauben, dass Geld wachsen müsse. Wer in hundert Liter Milch investiert und hofft, nach zehn Jahren 200 Liter Milch zu haben, würde ausgelacht oder auf seinen psychischen Zustand untersucht. Jedem ist klar, dass Milch, wie jeder andere Stoff in dieser Welt auch, vergänglich ist. Nach einer Woche hätte er vielleicht Sauermilch, nach einem Monat müsste er vermutlich sein verschimmeltes Haus sanieren lassen. Nur wenige Dinge in der Welt sind länger haltbar, aber es gibt keinen einzigen, der aus sich selbst heraus im Stande wäre, sich zu vermehren. Geld ist ein toter Stoff, eine Fiktion, das Versprechen der Gemeinschaft, dem Inhaber zu einem anderen Zeitpunkt etwas dafür zu geben.

Auch Güter, die sich in einem Zeithorizont, den Menschen überblicken können, nicht abnutzen, wie Edelmetalle, können sich nicht vermehren. Grundstücke und Immobilien nutzen sich sehr schnell ab, wenn sie nicht ständig unterhalten werden. Woher nehmen wir die Idee, dass wir in Form von Geld einen Wert für zukünftige Nutzung aufheben und dabei sogar noch mehr bekommen könnten? Nur wenn Werte geschaffen werden, können sie in der Welt sein. Dies kann durch natürliche Wachstumsprozesse geschehen (die immer mit Alterungs- und Sterbeprozessen verknüpft sind) oder aber durch die Leistung von Menschen. Karl Marx nannte das, was durch Arbeiter Hände geschaffen wird, den Mehrwert und kritisierte, dass der Nutzen daran überwiegend dem Kapitalisten zusteht. Diese grundlegende Kritik an den Regeln des Kapitalismus gilt immer noch.

Geld sollte nur durch Leistung in Wirtschaftsprozessen als Gegenwert zu Waren und Dienstleistungen entstehen. Wird mehr Geld in den Prozess gebracht, als Waren und Dienstleistungen hergestellt werden, dann spricht man von Inflation. Die Preise steigen, was nur ein Korrektiv für die Mengen der echten Dinge und der Fiktion Geld darstellen soll. Deflation entsteht, wenn innerhalb des Kreises der Wirtschaftsteilnehmer Käufe verzögert werden (Geld zurück gehalten wird), um den Verkäufer zu bewegen, seinen Preis zu senken.

Kredite sind erforderlich, um größere Unternehmungen stemmen zu können, sind aber auch immer ein Risiko. Das Platzen der Immobilienblase in den USA und die Euro-Krise sind elementar auf zu viel Kredit zurück zu führen, der in keinem Verhältnis zu den damit finanzierten Gütern stand. Wenn die EZB jetzt einen Negativ-Zins auf Einlagen der Banken bei ihr verlangt, dann tut sie etwas richtiges: Sie zeigt, dass Geld nur dann sinnvoll ist, wenn es im Kreislauf der Wirtschaft gehalten wird. Wenn sie aber die Banken zu zwingen versucht, mehr Kredite zu vergeben, und dies gerade in den Krisenländern Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, dann zwingt sie damit diese Länder in die nächste Runde der Finanzkrise.

Nur eine gesunde Eigenkapitalbasis ergibt ein gesundes Unternehmen. Das ist eine alte Weisheit der Mittelständler in allen Ländern seit dem Mittelalter. Wer sich fremd finanziert, liefert sich dem Kapitalgeber aus, wie Karl Marx‘ Lohnarbeiter dem Firmenherrn.

Wachstum ist endlich!

Der weitere Fehler – nicht so sehr im Agieren der EZB, sondern im Denken von uns Allen – ist, dass wir unerschütterlich an das Wachstum glauben. Da aber die Erde begrenzt ist, kann es kein Wachstum ins Unendliche geben. Die Grafik oben zeigt eine exponentielle Wachstumskurve mit einem jährlichen Zuwachs von fünf Prozent. Das Wachstum Einiger muss zwangsläufig auf Kosten Anderer gehen. Wenn ich mein Grundstück jedes Jahr um einen Meter ausdehne, dann müssen meine Nachbarn jedes Jahr einen Meter an mich abgeben. In solch einem bildhaften Vergleich wird deutlich, wie absurd unser Wachstumsglauben ist.

Eine neue Wirtschaft erfinden

Ich schließe zweierlei:
Erstens: Der Verlust an Kaufkraft von Sparkapital ist kein dramatisches Ereignis, sondern ein guter Prozess.
Zweitens: Um auf der Erde gut weiter leben zu können, müssen wir eine neue Wirtschaft erfinden.

Das ist eine Aufgabe, die wir kollektiv leisten müssen. Dafür braucht es Vordenker – die es spätestens seit den 1970er Jahren im Club of Rome und vielen Anderen gibt, es braucht solche, die es ausprobieren, das sind in Deutschland z.B. die nahezu überall anzutreffenden Tauschringe und regionalen Wirtschaftsgemeinschaften (Chiemgauer, Rheingold, Volmetaler), die zinsfrei und teilweise mit verfallenden Zahlungsmitteln arbeiten. Es braucht aber auch den politischen Willen, sich mit der Thematik auseinander zu setzen und dabei dem Druck und der Erpressung durch die Wirtschaft des Großkapitals zu widerstehen.

Einen Ansatz im Kleinen, kann nahezu jeder machen, indem er seinen eigenen Ressourcenbedarf vermindert.

  • Mit einem Auto, das halb so viel Treibstoff braucht, wie das bisherige,
  • mit einer Reduktion der Fahrstrecken,
  • mit einer Dämmung des Hauses, die den Wärmebedarf senkt und dabei gleichzeitig den Wohnkomfort erhöht,
  • mit einer Heizung, die statt fossiles Öl oder Gas zu verfeuern mit
    – Holz,
    – Umweltwärme, die mit einer Ökostrom-betriebenen Wärmepumpe gewonnen wird, oder
    – Solarstrahlung betrieben wird

halbierte_EnergiekostenDas hier investierte Geld führt nicht primär zu einer Vermehrung von Dingen, sondern zu einer Verminderung des Verbrauchs. Die Renditen liegen schnell bei über zehn Prozent im Jahr. Besser kann man sich gar nicht absichern, als durch Investition in Energiesparmaßnahmen. Es werden Ausgaben gekappt, die zukünftig sonst durch Preissteigerungen ins Uferlose und in den persönlichen Untergang führen könnten.
Die Grafik zeigt, wie allein eine Einsparung von 50% die Kosten für die Zukunft senkt. Erst nach zwölf Jahren ist das Niveau von vor der Sanierung erreicht. Die Einsparungen bis hierhin haben die Investitionen längst getilgt. In vielen Bestandsimmobilien sind weitaus größere Einsparungen von oftmals bis zu 90% möglich. Bei der Sanierung zum Passivhaus ist dies nahezu immer erreichbar und verbunden mit dem höchsten, denkbaren Wohnkomfort.

Freiwillige Einschränkung

Es bleibt ein Problem. Wer an einer Stelle einspart hat mehr zur Verfügung und wird es an anderer Stelle ausgeben. Im Grunde müssten wir also die Effizienzsteigerungen, die wir vornehmen, dazu nutzen, sobald wir sie komplett abbezahlt haben unser Einkommen zu vermindern. Statt immer mehr zu arbeiten, sollte also ein Mehr genießen und einfach so leben unsere Maxime werden.


Bildnachweise:
„unendliches Wachstum“, Grafik: O.Matthaei 2014, cc-by-sa
„halbierte_Energiekosten“, Grafik: O. Matthaei, 2014, cc-by-sa

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