Kampf – Revolution – Freiheit – Verfassung für Tunesien

27. Jan. 2014 von Olof E. Matthaei

Heute ist eine Verfassung für Tunesien beschlossen worden. In großer Hochachtung gegenüber dem tunesischen Volk und seinen demokratischen Vertretern gratuliere ich dem arabischen Land in Nordafrika.

tunesien-trockenflussWährend der Revolution im Winter 2011 war ich bei einer alten Freundin zum Reiten in Tunesien. Hautnah erlebten wir, was es bedeutet, wenn ein Land gegen eine Führung revoltiert, die nicht mehr für ihr Volk sondern nur noch für den eigenen Geldbeutel arbeitet. Der damalige Präsident Ben Ali wurde regelrecht aus dem Land gejagt. Von diesem Ereignis aus breitete sich eine Welle über zunächst die arabische Welt aus. Die Menschen forderten Freiheitsrechte und Mitbestimmung.

Libyen, Nachbarland zu Tunesien, und das ebenfalls in Nordafrika gelegene Ägypten befreiten sich ebenfalls von ihren Diktatoren. Die Versuche der Bürger in einigen Staaten und Emiraten der arabischen Halbinsel, an diese Vorbilder anzuknüpfen, wurden heruntergeknüppelt. Aber der Funke der Tunesier ist in die Welt übergegangen. Auch die monatelangen Proteste gegen „Stuttgart 21“ im Jahr 2010 und 2011, den von oben oktroyierten Bahnhofsumbau in Stuttgart und Bahnbau zwischen Stuttgart und Ulm sind eine parallele Entwicklung. Die Menschen begreifen: „Es geht! Wir sind nicht völlig ohnmächtig.“ Auch in der Ukraïne, einem Land fernab der arabischen Welt, steht derzeit das Volk gegen Unterdrückung und Ausbeutung auf.

Während aber z.B. im arabischen Syrien der Machthaber noch nicht geschlagen ist – dessen Rolle als Ausbeuter und Feind des eigenen Volks (vor dem Bürgerkrieg) zumindest mir noch nicht plausibel geworden ist – und in Ägypten die verschiedenen Gruppierungen im Volk wieder um Vorherrschaft und späteres Potenzial zum Ausbeutertum kämpfen, haben die Tunesier es geschafft, sich eine Verfassung zu erarbeiten, die die Möglichkeit birgt, sehr verschiedene Interessen in einem friedlichen Staat nebeneinander bestehen zu lassen. Tunesien hatte auf dem Weg zu der heutigen Verfassung viele Niederlagen einzustecken. Auch hier gab es Bestrebungen die Religion, überlebte Gesellschaftsordnung des Mittelalters, zur Gesellschaftsnorm zu erheben. Auch hier gab es politische Morde und Erpressungsversuche verschiedener Lager. Das Volk aber wollte diese Art der Auseinandersetzung nicht.

Tunesien ist ein muslimischen Land, so wie Deutschland ein christliches Land ist. Und noch mehr als wir hat das tunesische Volk es geschafft, eine pluralistische Gesellschaftsordnung zu schaffen, in der Männer und Frauen und Kinder, Menschen mit unterschiedlichen religiösen Vorstellungen oder auch ohne diese, Menschen, die ihren eigenen Lebensentwurf in einer menschlichen Gesellschaft verwirklichen wollen, miteinander leben können. Ich wünsche von Herzen Glück dabei, mit dieser Grundordnung jetzt eine funktionsfähige Gesellschaft aufzubauen. In ihrer Mehrheit habe ich die Menschen in diesem Land als friedlich, freundlich und klug erlebt. Der heutige Tag hat mich in dieser Ansicht bestätigt.

Als Ingenieur werde ich weiterhin Energie in dieses Land der Sonne bringen, das bereits vor den Römern für seine Fruchtbarkeit, Schönheit und Naturschätze berühmt war. Mit meinem Büro unterstütze ich die Organisation Ingenieure ohne Grenzen. Dringende Entwicklungsaufgaben liegen z.B. in der lokalen Wasserhaltung und Wasserversorgung, aber auch im Aufbau von Energieversorgungsnetzen und erneuerbaren Energiequellen. Unterstützen Sie Nordafrika z.B. durch eine Urlaubsreise. Es muss nicht immer Djerba sein. Entdecken Sie das Land z.B. auf Wanderungen, Radtouren oder Autoreisen abseits der Touristenquartiere. Es lohnt sich!


Bildnachweise:
„Tunesien: Reiten im Trockenfluss“, Foto: O. Matthaei, 2011

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