Frankreich legt Endlager-Standort Bure fest

31. Jul. 2015 von Olof E. Matthaei

Als erstes Land Europas bestimmt Frankreich, wohin der Atommüll kommen soll.

Dass Deutschland mit dem Ausstieg aus der Kernenergie einen weltweiten Sonderweg geht, haben wir längst begriffen. Dass man sich hierzulande sehr schwer damit tut, ein Endlager für den in 60 Jahren angefallenen, strahlenden Atommüll zu suchen, zu finden und umzusetzen, wissen wir auch. Zu tief sind die Wunden, die Brokdorf gerissen hat. Jahrzehntelang haben Industrie und verschiedene Bundesregierungen an dem potenziellen Endlager-Standort im Wendland festgehalten und jeden Protest mit martialischer Gewalt unterdrücken lassen. Da lange Zeit nicht in einem offenen und sachorientierten Prozess nach Endlagerstandorten gesucht wurde, liegt der Müll jetzt verteilt in der ganzen Republik, vor allem an den Standorten der Atomkraftwerke herum, strahlend und unzureichend gesichert.

Frankreich hat ähnliche Probleme – aber auf einer deutlich größeren Skala. Das Land produziert derzeit 75 % seines elektrischen Stroms in Kernkraftwerken und will damit auch langfristig nicht aufhören. Die bereits angefallenen Mengen hochradioaktiver und langfristig mittelradioaktiver Stoffe sind immens. Das Land lässt daher bereits seit 1991 von der nationalen Agentur für die Verwaltung von Atommüll (ANDRA) nach geeigneten Standorten für die Lagerung suchen. In 12 Departements wurde gesucht, vier Standorte wurden genauer untersucht und nun wurde – ohne demokratische Beratung – ein Gesetz erlassen, das die Pilotphase beendet und den Standort Bure im Departement Meuse de facto zum gewählten Endlagerstandort erhebt.

andra-laboratoire_2012Die nebenstehende Grafik zeigt die Anordnung der derzeitigen Versuchsanlagen. Eingebettet in platte, landwirtschaftlich genutzte Fläche liegt das Versuchsgelände und in bis zu 500 Metern Teufe reichen die Stollen und zwei Schächte. In der dortigen, 130 Meter mächtigen Tonschicht soll ab 2025 radioaktiver Abfall eingelagert werden. Dabei sieht das Gesetz vor, dass die Anlage für mindestens hundert Jahre offen bleiben muss, die Einlagerung gestoppt werden kann und der Müll rückholbar bleiben soll. Falls sich also in der Zukunft neue technische Möglichkeiten ergeben, könnte sich alles ändern.

99% der radioaktiven Strahlung für lange Zeit sicher verwahren

In Bure sollen 3 % der Abfälle der 58 französischen Atomreaktoren eingelagert werden. Diese Menge steht jedoch für 99 % der Gesamtstrahlung des gesamten Abfalls. Das Lager ist auf eine Abklingdauer von 10.000 Jahren ausgelegt und soll nach den derzeitigen Erkenntnissen dafür sicher sein.

Anlagen dieser Art haben nicht nur Freunde. Obwohl die ANDRA sich sehr um Bürgernähe und gutes Ansehen bemüht (hinter vorgehaltener Hand wird jedoch auch über massive Einschüchterungen und Korruption gesprochen), gibt es eine starke Bürgerbewegung gegen die Einlagerung von Atommüll: Der Verein Bure Zone Libre ist ein Gemeinschaftsprojekt deutscher und französischer Krenkraftgegner. Im Maison de résistance à la poubelle nucléaire, einem alten Bauernhaus in Bure betreiben sie ein Begegnungszentrum, von dem aus die Atomkraftgegner nicht nur gegen das Endlager agitieren, sondern auch versuchen Alternativen zur zivilen und militärischen Nutzung der Atomenergie aufzuzeigen.

Das gewählte Endlager liegt keine zwei Autostunden von Saarbrücken entfernt. So hat die Entscheidung auch bei den Bürgern und Politikern der deutschen Grenzregion Abwehr hervorgerufen. Insbesondere wird der Trick, mit dem die französische Regierung, namentlich die Umwelt- und Energieministerin Ségolène Royal, Tatsachen ohne parlamentarische Beratung geschaffen hat, kritisiert. Das Saarland habe die Bundesregierung um Intervention gebeten. Selbst wenn Energie- und Wirtschaftsminister Gabriel oder gar, völlig undenkbar, Kanzlerin Merkel die wenig demokratische Verfahrensweise bei den Franzosen rügen würden, so würde dies doch die Haltung der französischen Regierung nicht ändern. Laut Süddeutscher Zeitung will die Bundesregierung Aufklärung von Paris. Das Umweltministerium wolle das Thema in der deutsch-französischen Kommission für Fragen der Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen aufgreifen, sagte eine Sprecherin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. 2017 wird ANDRA den Antrag für die Betriebsgenehmigung stellen. Ab 2025 rollen dann 100 Ladungen hoch- und mittelradioaktiven Abfalls jährlich an und werden eingelagert. Immerhin. In Deutschland bleibt weiterhin alles offen.


Bildnachweise:
„andra laboratoire_2012“, Quelle: andra.fr 2015
logo der Bürgerbewegung ‚Maison de Bure‘, Quelle: over-blog-kiwi.com 2015

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