COP21: Divestment zwingt Politiker zum Handeln

28. Nov. 2015 von Karin Müller

Fragen des Lebens
Ich bekenne, ich hatte in PROKON ivestiert. Das Unternehmen ist durch die Insolvenz gegangen und jetzt bin ich stolze Genossin der PROKON Regenerative Energien eG. Ich bin auch an der Naturstrom AG beteiligt und an der Windenergie Ramsthal GmbH. Mein Geld habe ich von Volkswagen abgezogen, in RWE habe ich nie investiert.

In Paris haben Terroristen rumgebombt und geschossen und mehr als hundert Menschen getötet. Alle sind schockiert, erklären aber auch Alle: Von solchen Verrückten lassen wir uns gar nichts sagen. Frankreich hat einem Staat, den es gar nicht gibt, den Krieg erklärt. Deutschland spielt auch ein bisschen mit. Das ist aber gar nicht spannend. Viel interessanter ist doch, dass es mit Gewalt und Protesten keine wirkliche Bewegung gibt. Zwar kam die späte Genugtuung, dass die Polizei bei der Staatsgewalt gegen Bürger, die im Zusammenhang mit dem Bahnbauprojekt Stuttgart 21 gegen die Bäumerodung wehrten, rechtswidirg war. Aber was nützt das fünf Jahre nachdem die Bäume längst gefallen sind?

Warum aber könnte es diesmal bei der Weltklimakonferenz in Paris doch eine Veränderung geben? Politiker sind Fähnchen im Wind. Die Macht, nach der sie so hungrig sind, ist ihnen nicht von Gottes Gnaden und auf ewig verliehen, sondern immer nur für eine kurze Wahlperiode. Will man weiter rummachten, dann muss der Politiker sich an den Hintermännern der Macht orientieren. Nein, nicht am Volk, von dem laut Verfassung alle Macht ausgeht – ach nein, eine Verfassung hat Deutschland ja immer noch nicht, dafür hätte man ja das Volk abstimmen lassen müssen. Nein, es ist das Geld, das Macht verleiht. Aber auch Geld ist in der Hand von Menschen. Und diese Menschen denken hin und wieder auch über den nächsten Tellerrand hinaus.

Allianz: Divestment in großem Stil bewegt die Welt

Die Allianz-Gruppe hat angekündigt ihr investiertes Geld aus Unternehmen abzuziehen, die einen Großteil ihres Geschäfts mit Kohle machen. Das ist ein Hammer! Die Allianz ist einer der großen globalen Spieler (das Wort darf man wörtlich nehmen). Allein eine solche Ankündigung setzt die gesamte fossile Branche unter Druck. Und bringt auch Politiker dazu, sich des Themas anders anzunehmen. Natürlich ist für die Allianz der Klimaschutz kein Thema, da darf man sich keiner Illusion hingeben. Entscheider, die jeder für sich täglich mehr Energie verballern als zehn Familien in einem ganzen Jahr, indem sie in Jets durch die Welt düsen und ihren eigenen Spa-Bereich in der Luxusvilla betreiben, solche Leute haben kein Gespür für das Leben.

Leben findet basisch statt, auf der Erde, in der Erde. Es sind die Mikroben in jedem Krümel und Wassertropfen, es sind die Pflanzen und Tiere, die ,im Kreislauf verbunden, werden, wachsen und vergehen. Das Diner im Sterne-Restaurant, mag den Reichen ein schlapper Ersatz für das Erlebnis von Hunger und dem Geschenk des Essens eines Flüchtlings in einem fremden Land sein. Nein, die Entscheidung, sich aus der Kohle zurück zu ziehen, basiert sicherlich auch nicht auf den Aktionen, die viele Umweltverbände ständig leisten, bis hin zu Demonstrationen vor der deutschen Allianz-Konzernzentrale in München oder vor der Deutsche Bank-Zentrale in Frankfurt. Es geht ums Geld. Die Manager haben bemerkt, dass diese Geschäftsfelder in der Zukunft vielleicht weniger abwerfen werden, als Investitionen in nachhaltige Unternehmen, die mit erneuerbaren Energie hantieren.

Die Allianz divestiert. Andreas Gruber ist Chefinvestor des weltweit tätigen Konzerns. In einem Interview am 23.11.2015 äußerte er: „Wir werden nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen investieren, die mehr als 30 % ihres Umsatzes bzw. ihrer Energieerzeugung aus Kohle generieren.“ (ZDF: Frontal 21) Hans-Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). In dieser Funktion berät er die deutsche Politik auch bei der Klimakonferenz in Paris – sofern die ihm denn zuhören will. Schellnhuber hegt die Hoffnung, dass gerade die Divestment-Bewegung die Politiker dazu bewegt „ihre Hausaufgaben zu machen“.

Er verweist in einem Beitrag der vdi-nachrichten auf Parallelen mit dem Kippen des Apartheid-systems in Südafrika. Ebenso wie dort die Politik sich dem Wirtschaftsboykott beugen musste, hält es Schellnhuber für möglich, dass die Politiker im System der Vermeidung von Klimaschutz kippen. Bislang ist der Klimaschutz ein Kopf-in-den Sand-Thema. Seit 1992 gibt es Klimakonferenzen, ohne dass sich wirklich etwas Entscheidendes verändert hätte. Die Zeit ist uns davon gelaufen. „Bis 2030 wird klar sein, ob die Alternative in Form erneuerbarer Energien funktioniert oder nicht“, so der PKI-Chef und weiter: „Ich glaube, dass das Jahr 2015 das Jahr ist, in dem das alte System gekippt wird.“

Divestment von vielen kleinen Anlegern bewegt auch die Welt!

Ob man diese Zuversicht teilt, ist vielleicht eine Frage des Charakters. Niemand, mit dem ich bislang darüber sprach, erwartet sich von der Klimakonferenz etwas. Zu tief sitzt die Enttäuschung über viele verpasste Chancen bei früheren Klimagipfeln. Aber wenn wir keine Hoffnung hätten, müssten wir aufgeben. Wenn wir unsere Hoffnung darein setzen, dass Schellnhuber recht hat, dann können wir den Prozess unterstützen, indem wir selbst schauen, wo wir unser Geld investieren – oder eben divestieren. Der Abzug von Geld ist schmerzhaft für Unternehmen. Wenn die Braunkohleunternehmen, Kohleverstromer und Atomenergieunternehmen sterben, weil sie kein Geld mehr haben: Ich würde ihnen keine Träne nachweinen. Das sind Veränderungspotenziale weit jenseits von Sprengstoffgürteln und Autobomben. Damit verändern wir wirklich etwas. Es ist das Geld, das die Welt der Mächtigen bewegt.


Bildnachweise:
Karrikatur „Fragen des Lebens“, Karrikatur: SFV /Mester


Weitere Beiträge zu den Themen Divestment und Klimaschutz:

Artikel vom 29.09.2010: Energiekonzept der Bundesregierung hebelt den Klimaschutz aus
Artikel vom 05.12.2013: Klimaschutz „widerspricht den sozialdemokratischen Grundwerten“
Artikel vom 24.09.2014: UN-Klimakonferenz ohne Resultate
Artikel im SFV, 15.06.2015: Divestment – oder Warten bis die Kohlenstoff-Spekulationsblase platzt?

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